28 Juli Glasfaserausbau und kaum Nachfrage? Eine gemeinsame Herausforderung für Branche, Politik und Regulierung
VATM warnt vor falschen Schlussfolgerungen aus der angespannten Marktlage – Wettbewerber bleiben entscheidender Treiber des Glasfaserausbaus
Köln, 28. Juli 2026. Steigende Ausbaukosten, geringe Nachfrage und lange Amortisationszeiten belasten besonders Unternehmen, die Milliardenbeträge in neue Netze investiert haben. Aktuelle Analysen, wie jüngst von PwC, bestätigen Entwicklungen, auf die der VATM seit Jahren hinweist. „Von einem Stillstand kann dennoch keine Rede sein“, betont VATM-Geschäftsführer Dr. Frederic Ufer. „Der Markt und seine Geschäftsmodelle verfügen über erhebliches Potenzial. In den vergangenen Monaten haben ausbauende Unternehmen finanzkräftige und langfristig orientierte Investoren gewonnen.“ Anfang dieser Woche sicherte sich Westconnect zusätzlich 1,2 Milliarden Euro frisches Kapital für den Glasfaserausbau. „Das zeigt: Die Finanzmärkte vertrauen auf den deutschen Glasfaserausbau“, ergänzt Ufer. Damit dieses Vertrauen erhalten bleibe, brauche es verlässliche politische und regulatorische Rahmenbedingungen sowie eine deutlich höhere Take-up-Rate.
Nach wie vor nutzen viele Haushalte weiterhin das alte Kupferkabel, obwohl Glasfaser verfügbar ist. Ein erheblicher Teil der neuen Infrastruktur bleibt ungenutzt. Für die Unternehmen entsteht ein Dilemma: Die hohen Investitionen fallen beim Bau an, Einnahmen erst bei ausreichender Nachfrage. „Wenn in Ausbaugebieten weniger als 15 Prozent der potenziellen Kundinnen und Kunden Glasfaser buchen, reicht das nicht aus, um den kapitalintensiven Ausbau wirtschaftlich zu tragen“, so der Geschäftsführer.
Die angespannte Lage dürfe jedoch nicht als Schwäche des Wettbewerbs missverstanden werden. „Die Unternehmen bauen weiter, gewinnen starke Investoren und bringen Glasfaser bis in Gebäude und Wohnungen“, betont Ufer. Weniger Wettbewerb und eine Stärkung des Ex-Monopolisten wären daher der falsche politische Schluss. „Eine Schwächung der Wettbewerber würde Investitionen und Auswahlmöglichkeiten insgesamt gefährden und den Glasfaserausbau in weiten Teilen zum Erliegen bringen.“
Kooperation ist im Wettbewerb längst gelebte Praxis
Auch die Behauptung, Kooperationen und offene Netzzugänge funktionierten nicht, greift zu kurz. Zahlreiche Wettbewerber setzen auf Open Access, Wholesale-Vereinbarungen, gemeinsame Vermarktung und gegenseitige Netznutzung. Das verbessert die Auslastung und vergrößert die Auswahl für Verbraucherinnen und Verbraucher. Die Wettbewerber haben ein großes Eigeninteresse, die gebauten Netze mit Partnern auszulasten. Wer sich abschottet, wird scheitern.
TKG-Novelle muss Sicherheit statt neuer Unsicherheit schaffen
„Die Unternehmen werden weiterhin den Ausbau vorantreiben, Investoren vertrauen auf die Stärke und das Potential der Branche. Jetzt muss die TKG-Novelle Planungssicherheit schaffen“, appelliert Ufer. Genehmigungs- und Ausbauprozesse müssen beschleunigt und Kooperationen praktikabler gemacht werden. Neue Unsicherheiten würden gerade jene Unternehmen treffen, die den Ausbau bislang tragen. „Vor allem darf die Novelle nicht einseitig das marktbeherrschende Unternehmen absichern.“
Der VATM fordert langfristig verlässliche und wettbewerbsneutrale Regeln für die Kupfer-Glasfaser-Migration, einen besseren Zugang zu Gebäuden und Grundstücken sowie faire Bedingungen für die Nutzung bestehender Infrastruktur. „Ein entscheidender Hebel für höhere Nachfrage ist eine klare Perspektive für die Abschaltung des Kupfernetzes“, erläutert der Geschäftsführer. „Ohne absehbaren Wechselzeitpunkt bleiben die Anreize für den Umstieg begrenzt. Ein festes Ziel schafft Orientierung.“ Der Übergang müsse transparent und diskriminierungsfrei erfolgen mit einem verbindlichen und wettbewerbsneutralen Migrationsplan. Migration dürfe gerade nicht allein den Interessen der Deutschen Telekom folgen.
Förderung: Bei der Nachfrage ansetzen
Neben der Netzausbauförderung sollte die Politik zudem nachfrageorientierte Instrumente prüfen. Wo Glasfaser verfügbar ist, aber zu wenige Haushalte buchen, kann eine Unterstützung der Hausanschlusskosten sinnvoll sein.
„Wenn geringe Buchungsquoten den weiteren Ausbau gefährden, sollten staatliche Instrumente auch auf der Nachfrageseite ansetzen“, so Ufer. „Volkswirtschaftlich ist es sinnvoller, vorhandene Glasfasernetze auszulasten, als ein überholtes Kupfernetz weiter zu betreiben.“ In vielen anderen Wirtschaftszweigen, wie beispielsweise der Solarenergie, bei Wärmepumpen und E-Mobilität, rege der Staat die Nachfrage durch staatliche Förderprogramme an. Diese Möglichkeit müsse beim Glasfaserausbau ebenfalls neu überprüft werden.