17 Dez. Im Gespräch: Was Grönland Deutschland beim FTTH-Ausbau voraushat
Ein Blick dorthin, wo der Glasfaserausbau nicht „nice to have“, sondern überlebenswichtig ist: nach Grönland. Zwischen Permafrost, extremen Temperaturen und einem winzigen Bauzeitfenster entsteht FTTH als Rückgrat für Verwaltung, Telemedizin, Bildung und Sicherheit – getragen von klaren Zielbildern und starker öffentlicher Steuerung. Warum 5G dort vor allem dienend zur Glasfaser gedacht ist und welche strategischen Lehren Deutschland aus dieser Konsequenz ziehen kann, lesen Sie im Interview mit Michael Fränkle, COO ad interim, für das grönländische staatliche TK-Unternehmen Tusass.GL.
Warum wird aktuell in Grönland Glasfaser ausgebaut?
Der FTTH-Ausbau in Grönland ist vor allem durch strukturelle Zwänge und strategische, politische aber auch gesellschaftliche Notwendigkeiten motiviert:
Begrenzte Alternativen
Funk- und Mobilfunknetze sind aufgrund der Topografie (Fjorde, Gebirge, Eis), der extremen Witterung und der geringen Bevölkerungsdichte nur eingeschränkt leistungsfähig. Satellitenverbindungen sind teuer, latenzbehaftet und in der Kapazität begrenzt.
Hohe Abhängigkeit von zuverlässiger Konnektivität
Verwaltung, Gesundheitsversorgung (Telemedizin), Bildung, Logistik, Militär und Notfalldienste sind auf stabile Breitbandverbindungen angewiesen. Glasfaser wird als die einzige zukunftssichere Infrastruktur angesehen.
Vorhandene Backbone-Strukturen
Grönland ist bereits über sehr leistungsfähige Unterseekabel (z. B. nach Island und Kanada) angebunden. Der FTTH-Ausbau ist die logische Verlängerung dieser Backbones bis in die Haushalte um die Penetration leistungsfähiger Gigabitinfrastrukturen zu vergrößern.
Langfristige Wirtschaftlichkeit
Trotz hoher Anfangsinvestitionen ist Glasfaser über Jahrzehnte nutzbar. Entweder FttH und/oder 5G FWA (Fixed Wireless Access) sind die komplementären Zugangstechnologien im gesamten Land. Aufgrund der extrem hohen Betriebskosten (Diesel, Wartung, Logistik, Ersatzteile) ist FTTH naturgemäß langfristig oft günstiger als aktive Funknetze und bietet eine bessere Performance.
Welche besonderen Herausforderungen ergeben sich im Vergleich zu Deutschland?
Der FTTH-Ausbau in Grönland unterscheidet sich grundlegend von dem in Deutschland:
Technische und geografische Herausforderungen
- Permafrost: Klassischer Tiefbau ist nur begrenzt möglich; Leitungen müssen oft oberirdisch oder in speziellen Schutzrohren (i.e. Ducts auf der Gesteinsoberfläche) verlegt werden.
- Extreme Temperaturen: Materialien, Spleißtechnik und aktive Technik müssen arktistauglich sein.
- Kurze Bauzeiten: Effektiv ist oft nur ein sehr kurzes Sommerfenster (3-4 Monate) nutzbar.
Logistische Herausforderungen
- Kein zusammenhängendes Straßennetz zwischen Ortschaften.
- Transport von Material und Personal per Schiff oder Flugzeug.
- Hohe Kosten und lange Vorlaufzeiten bei Ersatzteilen.
Wirtschaftliche Rahmenbedingungen
- Sehr hohe Kosten pro Anschluss.
- Kaum Skaleneffekte durch geringe Haushaltszahlen, das Land bzw. der Kontinent hat ca. 62.000 Einwohner auf einer Fläche, die Frankreich, Italien, Spanien und Deutschland umfasst.
- Der Ausbau ist staatlich oder staatsnah finanziert, da sich der Netzbetreiber (Tusass) in Staatsbesitz befindet, der jedoch einen regulierten Wholesale Zugang für Festnetze anbietet.
Regulierung und Genehmigung
- Weniger Akteure, weniger komplexe Genehmigungsprozesse als in Deutschland.
- Gleichzeitig aber höhere Abhängigkeit von zentralen politischen Entscheidungen sowie in jüngster Zeit auch geopolitischen Interessen auch in entlegenen Regionen.
- Digitale Souveränität und Resilienz (NATO, Arktis, US-Interessen) legetimieren und beschleunigen faktisch den FTTH-Ausbau.
Lassen sich daraus Lehren für den FTTH-Ausbau in Deutschland ziehen?
Ja – allerdings weniger auf technischer, sondern vor allem auf strategischer und organisatorischer Ebene.
Zentrale Lehren
- FTTH als kritische Infrastruktur begreifen
- In Grönland ist Glasfaser keine Komfortleistung, sondern Teil der Grundversorgung.
- Deutschland behandelt FTTH noch zu oft als marktgetriebenes Produkt statt als Infrastruktur der Grundversorgung vergleichbar mit Zugang zu Strom oder Wasser.
Langfristige Perspektive statt kurzfristiger Kostenoptimierung
- Grönland baut direkt FTTH, nicht über Zwischenlösungen (Vectoring, FTTB-Light).
- 5G FWA wird in Grönland dienend zur Glasfaser gesehen, nicht wettbewerblich substituierend, wie oft in Deutschland mit Blick auf FWA argumentiert wird.
- Deutschland könnte durch konsequenteres „FTTH-only“-Denken Doppel- und Fehlinvestitionen vermeiden bzw. eine zügigere Penetration von Infrastruktur und Services ermöglichen.
Standardisierung und Vereinfachung
- Klare technische Standards und wenige Akteure beschleunigen den Ausbau.
- In Deutschland bremsen fragmentierte Zuständigkeiten, komplexe Genehmigungen und uneinheitliche Bauvorgaben.
Alternative Verlegeverfahren
- Erfahrungen mit oberirdischer oder oberflächennaher Verlegung zeigen, dass Tiefbau nicht immer die einzig akzeptable Lösung ist und sein muss.
- Für ländliche Regionen in Deutschland (z. B. Trassen entlang von Straßen oder Freileitungen) sind diese Ansätze durchaus relevant.
Öffentliche Verantwortung
- Grönland zeigt, dass FTTH-Ausbau in dünn besiedelten Regionen sowie in geologisch herausfordernden Umgebungen ohne starke öffentliche Steuerung kaum realisierbar ist.
- Für strukturschwache Regionen in Deutschland ist das ein wichtiges Signal.
Fazit:
Der FTTH-Ausbau in Grönland erfolgt nicht trotz, sondern wegen der extremen Rahmenbedingungen. Er zeigt:
- Glasfaser ist die robusteste und nachhaltigste Lösung – auch unter widrigen Umständen.
- Entscheidend sind klare Zielbilder, langfristige Planung und politische Priorisierung.
- Deutschland kann weniger von der Technik, aber viel von der Konsequenz und Klarheit dieses Ansatzes lernen.