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Fünf Fragen, fünf Antworten: Tobias Gramm über Hybrid Connectivity

Im Kurzinterview erläutert Tobias Gramm, CEO/Managing Director Venn Germany,  wie sich der Markt zunehmend weg von einer dominierenden Zugangstechnologie hin zu hybriden Netzen entwickelt und was Deutschland beim Aufbau resilienter und flexibler Unternehmensnetze von anderen Märkten lernen kann.

VENN Germany ist ein internationaler ISP (Internet Service Provider) und Managed Connectivity Services Provider, der Unternehmen dabei unterstützt, ihre Standorte weltweit zuverlässig und sicher zu vernetzen – mit maßgeschneiderten Connectivity-Lösungen für jeden Standort.

1. Woran erkennen Unternehmen, welche Connectivity-Architektur wirklich zu ihren Anforderungen passt?

Man sollte hierbei nicht primär die Technologien, sondern eher die Geschäftsprozesse betrachten. Die richtige Frage lautet nicht „Glasfaser oder 5G oder Satellit?“, sondern: Was kostet uns eine Stunde Ausfall an diesem Standort, welche Anwendungen laufen dort (Kasse, Cloud-ERP, Voice, Video, IoT), wie schnell muss der Standort wieder online sein, oder ist selbst ein kurzer Ausfall schon betriebsgefährdend?

Daraus ergeben sich drei Kriterien: die tatsächliche Kritikalität pro Standort, die verfügbaren Zugangstechnologien vor Ort – die sich natürlich je nach Standort stark unterscheiden können – und die operative Steuerbarkeit über alle Standorte hinweg. Eine passende Architektur ist eine, die pro Standort richtig dimensioniert ist und trotzdem zentral überwacht und gemanagt wird. Wer 200 Filialen mit einem Einheitskonzept versorgt, zahlt entweder zu viel oder ist an manchen Stellen einfach zu schwach abgesichert.

2. Entwickelt sich der Markt zunehmend weg von einer dominierenden Zugangstechnologie hin zu hybriden Netzen?

Ja, eindeutig. Glasfaser bleibt das Rückgrat, aber kein Unternehmen mit verteilten Standorten kann sich heute auf eine einzige Technologie oder einen einzigen Carrier verlassen. 5G liefert schnelle Inbetriebnahme und echte Diversität, LEO-Satellit deckt Standorte ab, an denen es weder Glasfaser noch gutes Mobilfunknetz gibt, und SD-WAN macht aus diesen Bausteinen ein steuerbares Gesamtnetz.

Der Wandel ist weniger technisch als organisatorisch: Unternehmen wollen nicht mehr diverse Verträge mit verschiedenen Providern verwalten, sondern eine Architektur, kompetente Ansprechpartner und eine durchgängige SLA – unabhängig davon, welche Leitung gerade den Verkehr trägt.

3. Was gehört aus Ihrer Sicht zu echter Redundanz – und welche Risiken werden dabei häufig unterschätzt?

Echte Redundanz heißt: Die genutzten Wege dürfen keinen gemeinsamen Fehlerpunkt haben. Zwei Glasfaserleitungen von Providern, die z. B. im selben Kabelschacht oder über dieselbe Vorleistung/Carrier/PoP laufen, sind keine Redundanz – sie sehen nur auf dem Papier so aus. Deshalb setzen wir auf Technologie-Diversität (z. B. Glasfaser plus 5G oder LEO), Carrier-Diversität und unterschiedliche physische Trassen.

Häufig unterschätzt werden:

  • Gemeinsame Infrastruktur – Wholesale-Vorleistungen, Hausanschluss, Stromversorgung oder dieselbe Mobilfunkzelle.
  • Der Failover selbst – wird er regelmäßig getestet? Viele Backup-Leitungen fallen genau dann aus, wenn man sie braucht, weil SIM-Karten abgelaufen sind oder die Konfiguration nie geprüft wurde.
  • Die Kapazität des Backups – reicht sie für die kritischen Anwendungen oder nur für E-Mail/Telefonie?
  • Strom – ohne USV für Router und Basis-Netzwerkinfrastruktur – ist jede Netzredundanz wertlos.
  • Monitoring und Prozesse – wer merkt den Ausfall, wer reagiert, und gegenüber wem gilt die SLA?

4. Wo ist LEO-Satelliteninternet heute eine echte Alternative oder Ergänzung – und wo bleiben Glasfaser und Mobilfunk klar überlegen?

LEO hat in den letzten Jahren einen riesigen Sprung gemacht: Latenzen, die Videokonferenzen und Cloud-Anwendungen problemlos ermöglichen, und eine Inbetriebnahme in Tagen statt Monaten. Als echte Alternative sehen wir LEO in ländlichen Regionen ohne Glasfaser, bei temporären Standorten wie Baustellen, Events oder Pop-up-Stores und bei schneller Standorteröffnung, bevor die Glasfaser liegt. Als Ergänzung ist LEO besonders stark, weil es physisch völlig unabhängig vom terrestrischen Netz ist – ideal als Backup gegen Baggerschäden, regionale Ausfälle oder Mobilfunkstörungen.

Glasfaser bleibt klar überlegen bei hohen symmetrischen Bandbreiten, garantierten Kapazitäten, sehr niedriger und stabiler Latenz und langfristig planbaren Kosten – also in Rechenzentren, Headquartern und großen Standorten. Mobilfunk/5G ist überlegen bei Mobilität, sehr schneller Aktivierung und in Innenräumen bzw. dicht bebauten Lagen, in denen eine freie Sicht zum Himmel fehlt. LEO ist kein Ersatz für alles, sondern ein sehr wertvoller zusätzlicher Pfad.

Mit der Erweiterung der LEO-Netzwerke mit Laserkommunikation zwischen den Satelliten entsteht gerade ein schneller Backbone im Weltraum, der mit der Latenz von Glasfaser nicht nur mithalten, sondern auf großen Distanzen sogar schneller ist. Es bleibt hier also spannend.

5. Was kann Deutschland beim Aufbau resilienter und flexibler Unternehmensnetze von anderen Märkten lernen?

Wir sind in mehreren europäischen Ländern aktiv und sehen vor allem drei Punkte:

  • Pragmatismus statt Warten auf die perfekte Leitung: In Ländern wie Frankreich oder Spanien ist es normaler, einen Standort sofort mit 5G oder LEO zu eröffnen und die Glasfaser nachzuziehen. In Deutschland wird oft monatelang auf den Anschluss gewartet – und so lange steht das Geschäft.
  • Multi-Carrier als Standard: Märkte mit früherem Glasfaserausbau haben gelernt, dass Wettbewerb und Diversität auf der Zugangsebene Resilienz schaffen. Deutsche Unternehmen sind immer noch stark auf einzelne große Anbieter fokussiert.
  • Resilienz als Managementthema: Spätestens mit NIS2 ist Ausfallsicherheit keine reine IT-Frage mehr. Andere Märkte behandeln Konnektivität bereits als Teil der Business-Continuity-Strategie – mit klaren Verantwortlichkeiten, getesteten Notfallplänen und End-to-End-Monitoring.
  • German Angst als Innovationsblocker: Eine umfassende, leistungsfähige europäische LEO-Lösung wird es in absehbarer Zeit nicht geben. Wir sollten die bestehenden Systeme nicht als Abhängigkeit, sondern als Chance sehen und die Themen Netzresilienz, Cybersicherheit und Verschlüsselung weiter vorantreiben. Dann macht es auch keinen Unterschied mehr, ob wir US-amerikanische oder europäische Satelliten nutzen. 

Deutschland hat bei Glasfaser aufzuholen, kann daraus aber einen Vorteil machen: Wer jetzt neu plant, kann direkt hybrid, herstellerunabhängig und zentral gemanagt bauen, statt Altlasten mitzuschleppen.

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