Events: Berichte und Fotos

07.11.2014

VATM-Glasfasertag 2014

 

Expertenrunde: Content is King – besonders in Highspeed-Netzen

Der Breitband- und Glasfaserausbau in Deutschland bleibt eine große Herausforderung für  alle Marktteilnehmer: „Wir sind auf dem richtigen Weg, vom gesteckten Ziel aber noch weit entfernt“, musste auch Friedhelm Dommermuth, Abteilungsleiter für ökonomische Fragen der Regulierung der Telekommunikation bei der Bundesnetzagentur, am 05.11.2014 auf dem VATM-Glasfasertag nach der Begrüßung durch Gastgeber Dr. Jens Neitzel, Partner, CMS Hasche Sigle,  zugeben. Es gebe keinen Königsweg für den Breitbandausbau, sondern eine Vielzahl von Lösungen und Geschäftsmodellen. Gemeinsames Ziel sei es derzeit, möglichst schnell eine Lösung für die Förderung von Vectoring auf Basis der vorhandenen Kupfer-Infrastruktur zu finden, sagte er bei der Veranstaltung in Köln. Die Bundesregierung sei hier in Verhandlungen mit der EU-Kommission. Klar sei, dass der Wettbewerb nicht alles allein richten könne. Das gelte insbesondere für die Netzinfrastruktur im ländlichen Raum.

Der Blick in die Nachbarländer macht deutlich, dass jedes Land eine eigene passende Ausbaustrategie braucht. So berichtete VATM-Geschäftsführer Jürgen Grützner von einem Schweiz-Besuch bei dem dortigen Regulierer und bei der Swisscom, dass dort der Breitbandausbau deutlich staatlich subventioniert erfolge. Netzbetreiber und Regulierung hätten dort alles richtig gemacht. Damit sei die dortige Vorgehensweise aber nicht automatisch übertragbar auf ganz Europa. „Uns in Deutschland bleibt nur der Zugang über die Kabelverzweiger der Telekom und dafür brauchen wir hier eine spezielle und besonders gute Regulierung“, so Grützner.

In Österreich sind die Kabelnetze mit Übertragungsgeschwindigkeiten von100 Mbit/s vielfach auf private Initiativen hin entstanden, wusste Dr. Martin Lukanowicz zu berichten, der Leiter der Abteilung Betriebswirtschaft beim österreichischen Regulierer RTR GmbH. Der Anteil der Kabelnetze liege bei 40 Prozent und 70 Prozent der Breitbandanschlüsse laufen in der Alpenrepublik über Mobilfunkverbindungen. Bei der Förderung setze man in Österreich vorrangig auf die Schließung der Wirtschaftlichkeitslücke.

Die zweite viel praktizierte Variante ist laut Dr. Klaus Ritgen, Referent beim Deutschen Landkreistag, das Betreibermodell für Kommunen. „Alle warten im Moment auf die Vergabe der Mobilfunkfrequenzen aus der Digitalen Dividende II“, machte Dr. Ritgen deutlich, „Egal wie, Hauptsache, es passiert etwas.“

Baden-Württemberg beispielsweise setzt dazu laut Heinrich Derenbach, vom baden-württembergischen Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz, auf eine Versorgung mit 50 Mbit/s über den kommunalen Ausbau der Infrastrukturen. 20 Prozent der Haushalte im Ländle seien jedoch weiter als 500 Meter vom Kabelverzweiger entfernt. „Rekordhalter“ sei die Gemeinde Breitnau mit 9,5 Kilometern. Für Thorsten Klein, von der saarländischen inexio KGaA, reicht die Förderung der Infrastruktur nicht aus. Es bedürfe der richtigen Anreize für Unternehmen. Der Kreis der Investoren sei zudem deutlich enger geworden.

„Wir brauchen jetzt schnell die Dividende II in einem fairen Bieterverfahren“, drängte auch VATM-Präsident Martin Witt vom Vorstand der United Internet AG und gleichzeitig CEO der 1&1 Telecommunication AG. Außerdem forderte der VATM-Präsident eine öffentlich einsehbare Vectoring-Liste unter Verwaltung der Bundesnetzagentur. Es gehe nicht an, dass die Telekom diese Liste geheim halte. 98 Prozent der letzten Meile verwalte immer noch die Telekom. Wettbewerber könnten damit nur ein Vorprodukt einkaufen. Und generell werde zu viel über die Netze und zu wenig über deren Auslastung gesprochen.

In Panel I diskutierten: Heinrich Derenbach, Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz, Baden-Württemberg, Friedhelm Dommermuth, Abteilungsleiter für ökonomische Fragen der Regulierung der Telekommunikation bei der Bundesnetzagentur, Dr. Martin Lukanowicz, Leiter der Abteilung Betriebswirtschaft, RTR GmbH Österreich, Thorsten Klein, persönlich haftender Gesellschafter, inexio KGaA, Dr. Klaus Ritgen, Referent beim Deutschen Landkreistag sowie VATM-Präsident Martin Witt, Vorstand der United Internet AG und CEO der 1&1 Telecommunication AG.

Glasfaser als langfristige Lösung

„Wenn schon ausbauen, dann sollte das langfristige Ziel Glasfaser sein“, war eine weitere Erkenntnis auf dem VATM-Glasfasertag. Eine Konzentration der Fördermittel auf 30-Mbit/s-Anschlüsse – also VDSL –, so wie es die Praxis derzeit in  Bayern zeige, sei die falsche Richtung beim Weg in die Gigabit-Gesellschaft, ist Dr. Christoph Clément, Director Legal & Regulatory Vodafone Deutschland, überzeugt. In manchen Fällen sei die Mobilfunk-Anbindung die richtige Lösung. Eine Einführung von Qualitätsklassen, Technologieneutralität und Steuererleichterungen für Hauseigentümer hält Clément für geeignete Mittel beim Ausbau der Infrastrukturen.

„Unternehmen, die Innovationen vorantreiben, brauchen langfristige Lösung für ihren Kommunikationsanschluss. Und diese Planungssicherheit bietet nur die Glasfaser“, erklärte Marco Goymann, Director Regulatory Affairs bei Versatel. Für eine vorausschauende Planung forderte der Versatel-Manager von den Bundesbehörden eine Art „Gewerbegebietsatlas“. Für sinnvoll, wenn nicht gar erforderlich, hält er auch konkrete Zielvorgaben für die einzelnen Branchen.

Die Grundausrichtung beim Breitbandausbau müsse es sein, die Glasfaser näher an den Kunden heranzubringen, glaubt Marcus Isermann, Leiter Regulierung bei der Telekom. Die Förderung passiver Infrastrukturen sei nicht ausreichend. Im ländlichen Raum müsse auch aktive Technik gefördert werden. Deutschland sei beim Ausbau auf einem guten Weg. In gut versorgten Gebieten sprach Isermann sich für eine Deregulierung aus, was die übrigen Panelteilnehmer entschieden ablehnten.

„Die Förderung von Breitband sollte schwerpunktmäßig da erfolgen, wo breite Bevölkerungsschichten erreicht werden können“, lautete das Credo von Viktor Janik, Vice President Regulatory Affairs beim Kabelanbieter Unitymedia KabelBW in Köln. Jedes Land in Europa bringe eigene Voraussetzungen für den Breitbandausbau mit und nicht alle seien bereit, dafür einen politischen Preis zu bezahlen. Die bessere Auslastung der Netze ergebe sich automatisch über höhere Übertragungsraten: „Wer schnell unterwegs ist, nutzt auch stärker das Internet“, so Janiks Einschätzung. Er sprach sich dafür aus, den Infrastrukturwettbewerb intensiv und technologieneutral zu fördern und in den Netzen unterschiedliche Serviceklassen einzuführen.

Für einen nachhaltigen und wirtschaftlichen Breitbandausbau plädierte Friedrich Meyer, Geschäftsführer der GasLINE GmbH und Co. KG, und empfahl der Regierung steuerliche Anreize für Wohnungsbaugesellschaften, Hauseigentümer und Nutzer. Der Wert schneller Netze und Anschlüsse muss stärker in den Fokus gestellt werden und ausbauwillige Unternehmen bei ihren Investitionsentscheidungen durch vereinfachte Genehmigungsverfahren und optimierte Abschreibungsmodelle stärker unterstützt werden.

Auf „echte Vertriebsarbeit“ schwört dagegen Peter-Paul Poch, Beirat der DNS:NET Internet Service GmbH und beklagt die fehlende Langzeitperspektive für den Breitbandausbau: „Eine Planung mit Zielhorizont 2016 und 2018 ist einfach zu kurz gedacht“, so Poch. Öffentliche Fördermittel seien dafür nur in Grenzen erforderlich: „80 Prozent der Breitbandnetze sind problemlos ohne Fördermittel machbar“, glaubt Poch.

In Panel II diskutierten: Dr. Christoph Clément, Director Legal & Regulatory, Vodafone GmbH, Prof. Dr. Torsten J. Gerpott, Lehrstuhl Unternehmens- und Technologieplanung, Schwerpunkt Telekommunikationswirtschaft, Universität Duisburg-Essen, Marco Goymann, Director Regulatory Affairs, Versatel GmbH, Marcus Isermann, Leiter Politische Interessenvertretung, Regulierung und Bundesländer, Deutsche Telekom AG, Viktor Janik, Vice President Regulatory Affairs, Unitymedia KabelBW GmbH, Friedrich Meyer, Geschäftsführer der GasLINE GmbH & Co. KG sowie Peter-Paul Poch, Beirat der DNS:NET Internet Service GmbH.


Content-Gipfel: „Killerapplikation“ weiter gesucht

Damit sich die Auslastung der Netze bessert, da waren sich die Teilnehmer auf der Experten-Tagung in Köln einig, müssen mehr Alltagsanwendungen und attraktive Inhalte auf die Netze. Statt dieses Geschäft amerikanischen Anbietern wie youtube, facebook oder twitter zu überlassen, sollten die deutschen Netzbetreiber entsprechend datenträchtige Inhalte gleich selbst auf ihrer Glasfaser anbieten, riet Stefan Meyerolbersleben, Seniormanager bei der Live Reply GmbH. Hans Kühberger, Geschäftsführer der Ocilion IPTV Technologies GmbH, empfiehlt den Netzbetreibern – als Maßnahme gegen die sogenannten OTT-Anbieter – beispielsweise Koalitionen mit den Radio- und TV-Sendern, etwa beim Streaming der multimedialen Inhalte.

Welches die „Killerapplikation“ für die Glasfaser sein könnte, darüber allerdings rätseln die Experten seit vielen Jahren. Sowohl für neue interaktive Anwendungen im Consumer Bereich, wie etwa Verkehrslenkung oder sicherheitskritische Geschäftskundenanwendungen in der Cloud, sieht Meyerolbersleben Qualität und Zuverlässigkeit der Glasfasernetze als Grundvoraussetzung.

Frank Mirtschin, Leiter Unternehmensplanung der envia TEL GmbH, versteht den Breitbandausbau in den Kommunen daher als Investition in die Zukunft der Wirtschaft, beispielsweise als Backbone für das explodierende Datenaufkommen im Mobilfunk oder dem freien WLAN für den mobilen Internetzugang immer und überall. Der Regulierungsrahmen müsse jedoch so gestaltet sein, dass auch kleinere Netzbetreiber überleben könnten.

Nicht als Netzrevolution, sondern eher als evolutionären Prozess müsse man hochbitratige Anwendungen im Netz betrachten, ist Axel Schmitz-Tewes überzeugt. Auch der Leiter Softwareentwicklung und Projektleiter ‚Symphony‘ bei der IN-telegence GmbH sieht keine ausgesprochene „Killeranwendung“. Die vielen Outsourcing-Prozesse im Geschäftskundensegment seien aber schon jetzt Treiber. Die Breitband-Förderung sei daher für die Wirtschaft in jeder Variante sinnvoll. Christof Sommerberg, Leiter Regulierung und Public Affairs bei der Kölner QSC AG, zählt ebenso CRM-Systeme, Big Data oder Sicherheitsanwendungen als Treiber für mehr Datenverkehr. Als Anreiz für Breitband hält er außerdem E-Government und E-Health-Angebote für geeignet.

Die Nachfrage nach mehr Bandbreite ist also grundsätzlich schon jetzt angelegt, auch wenn eine spezielle „Killerapplikation“ dabei noch nicht auszumachen ist. Die Vielzahl der zunehmend multimedialen Nutzung von Anwendungen und Inhalten mache schließlich den Ausbau von Glasfasernetzen erforderlich, so die Quintessenz des „Content-Gipfels“ auf dem VATM-Glasfasertag.

In Panel III debattierten Hans Kühberger, Geschäftsführer, Ocilion IPTV Technologies GmbH, Stefan Meyerolbersleben, Seniormanager, Live Reply GmbH, Frank Mirtschin, Leiter Unternehmensplanung der envia TEL GmbH, Axel Schmitz-Tewes, Leiter Softwareentwicklung und Projektleiter ‚Symphony‘ bei der IN-telegence GmbH sowie Christof Sommerberg, Leiter Regulierung und Public Affairs, QSC AG.

Der VATM-Glasfasertag fand auch 2014 mit freundlicher Unterstützung von GasLINE und CMS Hasche Sigle statt.

Eine weitere Berichterstattung zu der Studie „CMS Network Sharing Study 2014“, die ebenfalls auf dem Glasfasertag vorgestellt wurde, folgt in Kürze.

Kontakt

Corinna Keim 
Leiterin Kommunikation und Presse
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