VATM-Blog

04.09.2017

Glasfaserausbau Deutschland – Die Verwirrung ist perfekt

Von Jürgen Grützner, Geschäftsführer des VATM e. V.

Wie der Presse zu entnehmen ist, bietet die Telekom zukünftig Gigabit-Anschlüsse für Privatkunden an – zum Testen, wie es heißt. Vorreiter Telekom? Nein, denn rund 80 Prozent aller echten Glasfaseranschlüsse (bis ins Haus/bis zur Wohnung), die Kunden gebucht haben, stammen von den Wettbewerbern. Nur rund 700.000 Haushalte könnten derzeit überhaupt ein Telekom-Angebot nutzen – bei über 40 Millionen Haushalten in Deutschland also weniger als 2 Prozent. Das wirklich Gute daran: Während ganz aktuell die Telekom-Führung tapfer weiter behauptet, FTTC und Vectoring (Glasfaser nur bis zum Kabelverzweiger) seien auch Glasfaser, fühlt man sich zumindest vom Wettbewerb genötigt, endlich an das zu denken, was beim Kunden ankommt – und da kommt nur Gigabit raus, wenn genau da auch die Glasfaser rauskommt und sie nicht auf halber Strecke am Kabelverzweiger irgendwo auf der Straße endet.

Damit die Zahlen besser klingen, wirft die Telekom daher ihre Vectoring-/Kupferanschlüsse mit echten Glasfaseranschlüssen seit langem in einen Berechnungstopf und kommt so immerhin auf über 8 Millionen. Die Begründung dafür ist besonders interessant: Für die Kunden sei die Anschlusstechnik völlig irrelevant – ihnen gehe es nur um die Dienste und nicht etwa um Zukunftssicherheit des Anschlusses für kommende und immer breitbandigere Angebote in ach so ferner Zukunft. Gleichzeitig tobt aber hinter den Regulierungskulissen ein Kampf, in dem genau andersherum argumentiert wird. Irgendwie gäbe es doch einen eigenen Markt für Glasfaseranschlüsse. Warum jetzt doch? Wegen der aktuell fast nicht vorhandenen Marktpräsens der Telekom bei Glasfaseranschlüssen könnte man sich mangels aktueller Marktbeherrschung so die lästige Regulierung vom Leib halten. So wird Regulierung ad absurdum geführt und zum Spielball von Interessen.

Das würde bedeuten: Es gäbe eine Belohnung dafür, dass die Telekom kaum FTTB/H gebaut hat, aber zukünftig bitte mehr baut. Keine gute Idee und sinnlos dazu, denn sobald die Telekom baut – und das wird sie dank Wettbewerb ohnehin müssen –, wird die Telekom auch wieder marktbeherrschend sein. Denn überall dort, wo sie sich per Vectoring auf Jahre hinaus die Kunden gesichert hat, wird sie später FTTB/H ausbauen, bevor andere ihr dort die Kunden wegnehmen.

Und damit ist auch eigentlich die Frage beantwortet, ob die Telekom überhaupt eine Belohnung mit Steuergeldern oder neuem Monopol braucht, damit sie etwas schneller FTTB/H baut und sich vom billigen Kupferanschluss trennt? Ganz sicher nicht. Denn in Wahrheit wird die Telekom bei 70 Prozent Abdeckung durch TV-Breitbandnetze mit heute schon oft 400 Mbit/s und zukünftig Gigabit-Angeboten dort ohnehin zum Ausbau genötigt sein, um weitere Kundenverluste zu begrenzen – Wettbewerb statt Steuergelder.

Und stimmt es denn, dass es keine Nachfrage nach so hohen Bandbreiten gibt, wie die Telekom immer wieder behauptet hat? Nein, das stimmt nicht. Wo die Wettbewerber gezielt Versorgungslücken schließen und Breitband auf das Land und in Stadtrandlagen bringen – wie zum Beispiel die Deutsche Glasfaser oder DNS:NET – können diese teilweise 60 Prozent und mehr Glasfasernachfrage für sich verbuchen. Wenn aber Produkte auf maximal Vectoring-Geschwindigkeit ausgelegt sind und ein Probeausbau wie in Chemnitz mit Eins Energie seinerzeit nicht auf dem unversorgten Land stattgefunden hat, sondern genau dort, wo die Versorgung per TV-Breitbandkabel bereits sehr gut war, so braucht man sich über dramatisch geringere Take-Up-Rates nicht zu wundern. Die Message ist einfach: Die Wettbewerber bauen dort, wo man es zukünftig braucht und nicht zur Verdrängung einer guten bestehenden Versorgung. Wo es sich auf dem Land nicht rechnet, brauchen wir Fördermittel – das hat einstweilen jeder verstanden – und dort verlangt das Förderrecht ohnehin klugerweise Wettbewerb und Netzzugang.

Ob Regulierungsferien statt knallhartem Wettbewerb überhaupt den echten Glasfaserausbau voranbringen, kann man ernsthaft bezweifeln, denn das von solchen Regulierungsferien profitierende Unternehmen erklärt weiterhin ganz öffentlich, dass es weder Bedarf noch ausreichende Tiefbaukapazitäten gebe. In ihrem aktuellen Blog „Zehn Fakten zum Breitbandausbau“ wird darauf hingewiesen, dass Schweiz und Frankreich bereits ihre FTTH-Fokussierung überdenken würden. Wie immer das gemeint sein mag – wir sollten es nicht tun und endlich der Kupferdoppelader ade sagen.

Weiter werden Äpfel mit Birnen verglichen, statt Glasfaseranschlüssen werden in Deutschland Glasfaserkilometer gezählt, was politisch verschleiern soll, dass Deutschland  abgeschlagen fast auf dem letzten Platz in der EU angekommen ist. Und auch das versucht das Chart auf der Telekom-Seite zu beschönigen: „Schnelles Internet in Europa: Deutschland in führender Position“ lautet die Überschrift, was leider bezogen auf Kupferanschlusstechnologien auch stimmt – NGA-Netze fordern Bandbreiten von nur 30 Mbit/s statt der 1000 Mbit/s, die nun überall in Europa ausgebaut werden.

Gerade die Übergangstechnologie Vectoring erschwert den echten Glasfaserausbau (FTTB/H) in Deutschland enorm – und anstatt es schönzureden, müssen wir das Problem nun doch wohl besser konstruktiv anpacken.

Das hat die Politik – wenn auch viel zu spät – nun auch verstanden. Sie hat sich zu lange mit der Vectoring- FTTB/H-Verhinderungspolitik beschäftigt, um rechtzeitig wie andere Länder vom 50-Mbit/s-Ziel loszulassen und das Gigabit- Ziel in den Fokus zu nehmen – nicht statt 50 Mbit/s, sondern zusätzlich.Die neue Bundesregierung muss erkennen, dass mehr Wettbewerb und nicht mehr Regulierungsferien die Investitionen nach Deutschland holen. Regulierungsgeschenke ändern in Wahrheit nicht ein Jota an der wirtschaftlichen Position der Telekom, für die die weitere Nutzung von Kupferanschlüssen noch auf Jahre hinaus viel lukrativer ist als die teure Aufrüstung mit Glas bis ins Haus.

Und Kooperationen? Ja, die gibt es. Die der Telekom betreffen fast ausschließlich Kupferanschlüsse oder finden in der Praxis kaum statt, während Vodafone und 1&1 massiv begonnen haben, echte Glasfaseranschlüsse von ausbauenden Unternehmen wie Deutsche Glasfaser, M-Net, NetCologne oder wilhelm tel zu beziehen – alles übrigens auf Basis von technischen Schnittstellen, die wir gemeinsam mit der Telekom und vielen Marktteilnehmern seit Jahren zur Marktreife gebracht haben.

Statt weiterer Verwirrung und Schönrederei brauchen wir ein „glasklares“ Ziel! Wir brauchen Glasfaser, aber wir brauchen auch Open Access und marktübliche Preise statt neuer Monopole für unseren Wirtschaftsstandort und für unsere Bürger.

Und das Beste ist: Beides ist zu schaffen und beides muss die Politik schaffen – durch eine Politik, die Ausbauwettbewerb und Dienstewettbewerb gleichermaßen fördert und nicht kurzfristig nur auf eine der Komponenten setzt, obwohl unser Land klar erkennbar beides benötigt.

Unsere Zukunftsnetze sind die Nervenbahnen unserer Wirtschaft und Gesellschaft. Wer allein den Netzausbau als politisches Ziel in den Fokus rückt und dadurch glaubt, erfolgreich zu sein, der hat unsere Wirtschaft nicht verstanden. Es geht nicht etwa um Politik für oder gegen die Telekom. Es geht um Politik für oder gegen den Standort Deutschland.

Der Ausbau wird nur gemeinsam mit der Telekom gelingen – als fairen Marktpartner zu fairen Regeln – und gerne weniger Regulierung, wo die Telekom ihre Marktmacht nicht ausspielt. Die Verhandlungen mit der Telekom laufen. Sie muss jetzt liefern. Beim Glasfaserausbau darf die Politik aber nicht mehr auf das Prinzip Hoffnung setzen. Regulierung oder vertragliche Einigung: Es muss gebaut werden und der Wettbewerb muss bleiben.

Kontakt

Corinna Keim
Leiterin Kommunikation und Presse
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