Pressemitteilungen

19.08.1999

Presseinfo zum Thema Inkasso

Call-by-Call droht das Aus!

Mit der von der DTAG geplanten massiven Verteuerung der Inkassogebühren werden Telefongespräche sowie der Internet-Zugang im Call-by-Call-Verfahren in Zukunft von den meisten Unternehmen nicht mehr angeboten werden können. Denn die Einführung eines Mindestbetrags von 80 Pfennig pro Kundenrechnung und Unternehmen führt zu einer Steigerung der Inkassokosten für die Wettbewerbsunternehmen bis zu mehreren 100%.

Sollte sich die DTAG darüber hinaus mit ihrer Auffassung durchsetzen, daß sie trotz der Regelungen in der Telekommunikations-Kundenschutzverordnung (TKV) zum Inkasso nicht grundsätzlich verpflichtet sei, so wäre das Schicksal von Call-by-Call endgültig besiegelt.

Die Möglichkeit, bei Ferngesprächen durch eine einfache Vorwahl eine deutliche preissenkende Alternative zur DTAG zu wählen, ist bei Privatkunden mit 85% Anteil die erfolgreichste Form des Telefonierens in den Netzen der privaten Telefongesellschaften und damit das Markenzeichen für den Wettbewerb im deutschen Telekommunikationsmarkt. Das offenen Call-by-Call ist wesentlicher Motor der Tarifsenkungen, von denen bisher alle Kunden profitieren.

Zur Zeit sind die Wettbewerbsunternehmen in diesem Bereich auf die Inkassoleistung der DTAG angewiesen, da nur die DTAG über alle dafür notwendigen Informationen verfügt. Andere denkbare Lösungen, vor allem die Abrechnung durch andere Unternehmen, scheitern aber schon daran, daß die DTAG nicht bereit ist, die notwendigen Daten herauszugeben.

Der Verband der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten (VATM) lehnt darum die massiven und bislang in keinster Weise nachvollziehbaren Preiserhöhungen ab, die einzig auf die Ausschaltung des heute erfolgreichsten Wettbewerbsbereichs abzielen. Die Lösungsansätze der alternativen Netzbetreiber liegen der DTAG seit mehreren Monaten vor, aber fehlende Entscheidungen im Hause der DTAG verhindern bis heute eine Einigung. Mitglieder des VATM haben angesichts der mangelnden Kompromißbereitschaft der DTAG bei der RegTP Beschlußkammerverfahren gegen den Ex-Monopolisten eingeleitet.

Der Sachverhalt:

Laut § 15 TKV hat der Kunde Anspruch darauf, von "seinem Anbieter des Zugangs zum öffentlichen Telekommunikationsnetz" - der Telefongesellschaft also, die seinen Telefonanschluss herstellt - eine Rechnung zu erhalten, auf der auch die Kosten ausgewiesen sind, die durch die Auswahl anderer Anbieter von Netzdienstleistungen - beispielsweise im Call-by-Call-Verfahren – entstehen. Dieser Anbieter des Zugangs zum öffentlichen Telekommunikationsnetz ist für über 95% aller Anschlußkunden zur Zeit noch die DTAG.Gemäß dem zwischen der DTAG und ihren Wettbewerbern geschlossenen Vertrag erhält die Telekom als Entgelt für die Inkassoleistung von den Vertragspartnern max. 4,5% vom Verbindungsumsatz zuzüglich einer Pauschale von 0,7 Pfennig je übermitteltem Verbindungsdatensatz. Bei einem Gesamtumsatz im Call-by-Call-Markt von circa vier Milliarden Mark beläuft sich somit allein die an die Telekom fallende Umsatzpauschale auf einen jährlichen Betrag von 180 Millionen Mark! Hinzu kommt je Rechnungszeile ein Betrag von 0,7 Pfennig, was nochmals über 50 Mio. DM ausmacht.

Diesen Vertrag hat die Deutsche Telekom zum 30. September 1999 gekündigt.

In ihrem neuen Angebot an die Wettbewerbsunternehmen, zunächst befristet vom 1. Oktober 1999 bis 31. März 2000, fordert die DTAG für ihr Inkasso nun zusätzlich zum heutigen Entgelt einen Mindestbetrag von 80 Pfennig pro Kunden-Monatsrechnung und je darauf mitabgerechnetes Wettbewerbsunternehmen.

Die Auswirkungen für die TK-Unternehmen:

Für die 18 Call-by-Call-Anbieter im deutschen Telekommunikationsmarkt bedeutet die von der DTAG betriebene Neuregelung eine Kostenbelastung, die aufgrund der durchschnittlichen Umsätze und minimalen Margen nicht mehr wirtschaftlich darstellbar ist.

Der Call-by-Call-Markt zeichnet sich aus durch eine sehr hohe Nutzerflexibilität. Das heißt, je nach Tageszeit, Zielort, Fest- / Mobilfunknetz oder internationalem Gesprächen werden von den Kunden häufig unterschiedliche Anbieter in Anspruch genommen.

Zudem sind die Minutenpreise im Fernbereich seit Beginn der Liberalisierung um über 80% gesunken. Das heißt, die Rechnungsbeträge, die pro Call-by-Call-Anbieter anfallen, sind meist sehr gering. Nach Angaben der DTAG liegen 70% der einem Kunden für die Wettbewerbsunternehmen in Rechnung gestellten Verbindungskosten unter zehn Mark, zum Teil sogar noch weit darunter.
Für das Inkasso eines über ihre Rechnung ausgewiesenen Betrages von beispielsweise acht Mark erhält die DTAG zur Zeit ein Entgelt von 36 Pfennig (4,5% von acht Mark), zuzüglich 0,7 Pfennig pro Rechnungszeile. Bei im Schnitt 2 Zeilen pro DM Umsatz ergeben sich weitere 11 Pfennig und damit insgesamt 47 Pfennig.

Legt man die neue Forderung der Telekom zugrunde, würden in diesem Fall der Sockelbetrag von 80 Pfennig anfallen, was für das Wettbewerbsunternehmen eine Erhöhung um fast 100% bedeutet. Bei geringeren Rechnungsbeträgen ergibt sich ein weit höherer Preisanstieg. Erst ab einer Rechnungssumme von über 17 Mark - einem Betrag, der aber pro Kunde und pro Unternehmen nur in sehr seltenen Fällen erreicht wird, käme ein Call-by-Call-Anbieter auf in etwa dieselbe Kostenbelastung wie bei der jetzt gültigen Entgeltstruktur.

Folgen für die Kunden:

Sinkende Minutenpreise und steigende Inkassoentgelte bei gleichbleibenden Interconnection-Kosten lassen die ohnehin minimalen Margen bei den Anbietern weiter schrumpfen. Das Call-by-Call-Geschäft wird zum Verlustbringer und kann somit aus betriebswirtschaftlichen Gründen bei vielen Unternehmen nicht länger aufrechterhalten werden.

Sollte darüber hinaus die DTAG ihre Auslegung des § 15 TKV, Rechnungsstellung bedeute nicht automatisch auch Inkasso, durchsetzen, so wären Privatkunden möglicherweise gezwungen, obwohl sie nur eine Rechnung erhalten, ausgewiesene Beträge jeweils einzeln an jeden Anbieter zu überweisen. Dies wäre nicht nur kundenunfreundlich sondern mit vergleichsweise hohen Kosten verbunden.Auswirkungen auf den Wettbewerb:

Sowohl durch die steigende Belastung für die Unternehmen als auch aufgrund möglicher aufwendiger Abrechnungsverfahren für den Kunden wird dem Call-by-Call-Markt die Grundlage entzogen.

Damit ist der gesamte Wettbewerb existenziell bedroht. Mangels akzeptabler Kostenmodelle in den Ortsnetzen liegt heute der Schwerpunkt des Wettbewerbs noch eindeutig im Fernbereich. In diesem Marktsegment halten die Wettbewerbsunternehmen einen Marktanteil von 30 Prozent. Davon entfallen 27 Prozent auf das Call-by-Call-Verfahren, während Preselection drei Prozent ausmacht.
Würde dem Call-by-Call-Verfahren die Basis entzogen, wären 85 Prozent des Wettbewerbs im TK-Bereich gefährdet.

Kontakt

Corinna Keim
Leiterin Kommunikation und Presse
Tel.: +49 221 376 77-23
E-Mail: ck(at)vatm.de