Pressemitteilungen

15.02.2000

Wettbewerb in der Telekommunikation weiterhin schutzwürdig

VATM warnt vor Rücknahme der Regulierung

Telekom-Chef Ron Sommer wird scheint´s nicht müde, den Regulierungsdruck, dem er sein Unternehmen angeblich so massiv ausgesetzt fühlt, zu beklagen. Vor einem Kreis von sozialdemokratischen Spitzenpolitikern forderte er kürzlich nicht nur eine Verringerung der Regulierungsintensität, sondern er stellte sogar vor dem Hintergrund der jüngsten Fusionen in der Telekommunikationsbranche die Existenzberechtigung der Regulierungsbehörde insgesamt in Frage. Es sei unverständlich, daß sich multinationale Konzerne wie die Deutsche Telekom AG (DTAG) dem Diktat der nationalen Regulierungsbehörden beugen müßten, denn dies - so der Telekom-Chef - führe zu einer Benachteiligung des Unternehmens im internationalen Geschäft sowie zu einer Minderung seines eigentlichen Börsenwertes.

"Die Argumente, die die DTAG für ihre deutschlandweite Lobbykampagne gegen die nationale Regulierung anführt, entbehren jedoch," so Jürgen Grützner, Geschäftsführer des Verbandes der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten (VATM), "jeglicher sachlichen Grundlage. Alleiniges Ziel ist es, die Politik zur Abschaffung, zumindest aber Lockerung der sektorspezifischen Regulierung zu bewegen, um Marktanteile zurückzugewinnen. Vor einer solchen Entwicklung kann man nur warnen. Denn Regulierungsbehörde und Monopolkommission haben eindeutig nachgewiesen, daß bisher keinesfalls von einem stabilen, selbst tragenden Wettbewerb gesprochen werden kann. Vor allem reagiert der Markt ausgesprochen sensibel auf äußere Eingriffe und vermeintlich unbedeutende Behinderungen wie beispielsweise beim Call-by-Call."

Als Chef des immer noch marktbeherrschenden Ex-Monopolisten scheint Ron Sommer ohnehin eine ganz eigene Vorstellung von Wettbewerb entwickelt zu haben, wenn er die zwei Prozent Marktanteil der Wettbewerbsunternehmen im Ortsnetz mit funktionsfähigem Wettbewerb gleichsetzt. Dabei auf die neuen und gerade erst lizenzierten Zugangstechnologien im Local loop abzustellen bedeutet schlicht, eine sich erst langsam abzeichnende Möglichkeit mit bereits funktionierendem, geschweige denn selbst tragendem Wettbewerb zu verwechseln.

Im Gegensatz zu anderen ehemaligen Monopolunternehmen, beispielsweise AT&T, das Mitte der 80er Jahre in mehrere Unternehmen zerschlagen wurde, profitiert die Telekom bis heute von ihrer historischen Marktmacht, die ihr, vom Gesetzgeber gewollt, eine extrem starke Ausgangsposition im internationalen aber auch deutschen TK-Markt bescheren sollte - allerdings unter Kontrolle eines starken Regulierers.

Daß die DTAG keinesfalls unter einer zu harten Regulierung zu leiden hat, spiegelt sich nachhaltig in ihrem Börsenwert wider, der heute bei 400 Milliarden DM liegt. Der Kurswert der Aktie hat sich von 28 DM auf heute fast 180 DM gesteigert und damit mehr als versechsfacht! Nach Meinung der Analysten, die gerade die Zukunftspotentiale des Unternehmens im Markt bewerten, wird sich diese Entwicklung weiter fortsetzen.

Eine Schwäche des Unternehmens im internationalen Kräfteverhältnis läßt sich allein auf die fehlgeschlagene Internationalisierungsstrategie der Telekom zurückführen. Weder in Nordamerika noch in Europa ist es der Telekom bisher gelungen, sich zu positionieren. Das Joint Venture Global One mit France Telecom sowie der Übernahmeversuch von Telecom Italia kamen nicht zustande. Die DTAG als Global Player, wie von Ron Sommer oft beschworen, ist nichts als eine Wunschvorstellung geblieben.

Für den Wettbewerb haben sich seit Beginn der Liberalisierung die Rahmenbedingungen im TK-Markt ständig verschlechtert. Die über ein Jahr verzögerte Entscheidung zur Teilnehmeranschlußleitung sowie die Diskussion um angeblich von Wettbewerbern verursachten - aber bis heute nicht nachgewiesenen - "atypischen Verkehr" zeigen, daß es der DTAG immer wieder gelungen ist, für den Wettbewerb wichtige Entscheidungen lange zu verzögern und so die Markteintrittsbarrieren schrittweise wieder zu erhöhen. Die sukzessive Zurücknahme einzelner Wettbewerbsbereiche aus der Regulierung, wie die Herausnahme des internationalen Verkehrs aus der Preisregulierung, birgt zudem die Gefahr einer abnehmenden Abgrenzbarkeit einzelner Wettbewerbsbereiche. Die Folge: eine effiziente Mißbrauchskontrolle würde erheblich erschwert.

Noch dramatischer und für den jungen TK-Markt verheerend könnte sich die Strategie der DTAG erweisen, die Zukunftsmärkte Internet, Online- und Mehrwertdienste zu monopolisieren. Waren Bundesregierung und Bundestag 1997 gerade in diesen Bereichen von zukünftig weitgehendem Wettbewerb ausgegangen, so erweist sich hierfür aus heutiger Sicht die Teilnehmeranschlußleitung als zentrale Hürde. Bei einem DTAG-Marktanteil von 98 Prozent im Ortsnetz droht nun in den wichtigsten Zukunftsmärkten nicht mehr, sondern sogar weniger Wettbewerb als in der Sprachtelefonie. Zu erreichen versucht dies die DTAG durch eine schlichte Umstellung von Abrechnungsverfahren und durch Einstellung des Inkasso.

Festzustellen bleibt: Der Wettbewerb hat sich trotz der gesetzlich vorgesehenen Regulierung eindeutig zu Gunsten der DTAG und nicht zu ihren Lasten entwickelt. Dauerhafter Wettbewerb kann nur unter Beibehaltung der sektorspezifischen Regulierung im Übergang zu einem unregulierten Markt gesichert werden. Die Liberalisierung des neuseeländischen TK-Marktes hat gezeigt, daß die Öffnung eines Marktes ohne Regulierung scheitert und Wettbewerb nicht entstehen kann. Die Politik hat sich zum Wohle der Bürger und der deutschen Wirtschaft für Wettbewerb im TK-Markt entschieden. Um dieses Ziel zu erreichen, darf die Regulierung nicht und schon gar nicht bereits zum jetzigen Zeitpunkt zurückgeführt werden.

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