15.09.2015

In „Siebenmeilenstiefeln“ zur Gigabit-Gesellschaft 2030?

Im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung der Gesellschaft werden bis zum Jahr 2030 Bandbreiten im Gigabitbereich für Festnetzanschlüsse und zur Anbindung von Mobilfunkstandorten benötigt. Die Breitbandziele 2018 der Bundesregierung und 2020 der EU sind als Meilensteine bedeutsam, müssen jedoch um eine Langfriststrategie ergänzt werden. Von zentraler Bedeutung ist, dass die Verfolgung der Breitbandziele 2018/2020 nicht die Migration zur Gigabit-Gesellschaft 2030 behindert.

Für einen weiteren, langfristigen und verlässlichen Breitbandausbau müssen die politischen, wie auch die regulatorischen Rahmenbedingungen, die Investitionsmöglichkeiten aller Investoren auch in Zukunft sicherstellen. Gerade der eigenwirtschaftliche Ausbau ländlicher Gebiete erfolgt in erster Linie durch die Wettbewerbsunternehmen. Das Gleiche gilt derzeit auch für die bisherige Erschließung mit FTTB/H.

Die langfristigen Anforderungen an Gigabit-Breitbandnetze, die auch den Herausforderungen in 2030 gerecht werden, hat der VATM bereits im Juni diesen Jahres in einem eigenen 13 Punkte umfassenden Positionspapier erarbeitet. Lesen Sie die Agenda 2030: Der Weg zu Gigabit-Breitbandnetzen ausführlich hier.

Gigabit-Offensive: Neujustierung der Breitbandpolitik

Gemeinsam mit den deutschen TK- und Kabelverbänden (ANGA, BREKO und BUGLAS) sowie dem FTTH Council Europe ist es zudem gelungen, Anfang September auf dem ersten Breitband-Symposium „Der Weg in die Gigabit-Gesellschaft“ in Berlin explizit eine Neujustierung der Breitbandpolitik einzufordern. In einem gemeinsamen Thesenpapier, das in den Medien mit großer Aufmerksamkeit wahrgenommen wurde, forderten die Verbände für eine gemeinsame Zukunftsagenda eine „echte Gigabit-Strategie“ und faire Wettbewerbsbedingungen.

•    Die Zusammenfassung der Verbändeposition finden Sie in der gemeinsamen Presseerklärung
•    Das ausführliche Thesenpapier steht Ihnen hier zur Verfügung

Die Bedeutung einer künftigen Gigabit-Infrastruktur für ganz Europa betonte auf diesem Symposium unter anderem Reinald Krüger von der Europäischen Kommission. Er mahnte in seiner Keynote, dass in den kommenden zehn Jahren für eine Spitzenkonnektivität nicht nur in den städtischen Ballungsräumen, sondern auch in ländlichen und weniger dicht besiedelten Gebieten gesorgt werden müsse.
(Zur Keynote von Reinald Krüger, Head of Unit, Regulatorische Koordinierung und Märkte, General-Direktion Kommunikationsnetze, Inhalte und Technologien, Europäische Kommission gelangen Sie hier.)

Auch die zuständige Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesministerium für Verkehr und Infrastruktur (BMVI), Dorothee Bär, hob in ihrer Videobotschaft die Richtigkeit der Frage nach den politischen Zielen über 2018 hinaus hervor. Man wolle die Rahmenbedingungen für den Netzausbau noch weiter verbessern. Der Glasfaserausbau käme immer näher zum Kunden, Geschäftskunden ebenso wie private Nutzer benötigten immer mehr Bandbreiten. Über diese Themen werde man in der Netzallianz weiterhin miteinander diskutieren.

Die Videobotschaft von Staatssekretärin Bär finden Sie auch unter VATM-Youtube "Statement von Dorothee Bär zum Verbände-Symposium Breitbandpolitik".

Tabea Rößner, medienpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, sprach sich für einen nachhaltigen Plan aus, der doppelte Ausgaben vermeidet. „Die Politik muss sich jetzt entscheiden, ob sie den Netzausbau mit Siebenmeilenstiefeln oder mit 7-Millimeter-Stilettos angehen will.“ Heike Raab, Staatssekretärin und im Bund Bevollmächtigte des Landes Rheinland-Pfalz für Europa, Medien und Digitales betonte nicht nur wie knapp die verbleibende Zeit für eine vernünftige Umsetzung der Förderrichtlinie in der Praxis sei, sondern wies darauf hin, dass Rheinland-Pfalz bereits eine Machbarkeitsstudie für 300 Mbit/s und mehr in Auftrag gegeben habe. Hier dürfe die Förderung durch den Bund nicht zum Showstopper werden.

Während fast alle Diskutanten mit Blick auf den hohen Datentransfer in den kommenden Jahren einen nachhaltigen Ausbau der Glasfaserinfrastruktur einforderten und die Gigabit-Initiative der Verbände ausdrücklich unterstützen, konzentrierte sich der CSU-Bundestagsabgeordnete Ulrich Lange auf das 50-Mbit/s-Ziel für 2018: „Wir müssen alle Nutzer und Regionen gleichmäßig mit schnellem Internet ausstatten.“ Der Auftrag der Politik sei zunächst die Versorgung mit 50 Mbit/s für alle. Von den 2,7 Milliarden Euro kämen 1,1 Milliarde Euro aus dem Zukunftsprogramm der Bundesregierung. Das bedeute eine Bindung dieses Geldes an die Jahre 2016 bis 2018, so der Vorsitzende der Arbeitsgruppe Verkehr und digitale Infrastrukturen der CDU/CSU-Fraktion.

Glasfaser für Europa, Kupfer für Deutschland?

Während eine nachhaltige Breitbandinfrastruktur für die kommenden 10 Jahre Politiker in ganz Europa umtreibt, die Wissenschaft mit Verdopplungsraten der notwendigen Bandbreiten in gut Zwei-Jahres-Zyklen kalkuliert und daher der Glasfaserausbau in vielen Ländern weiter vorankommt, rechnet die Telekom in Deutschland in ihren Prognosen lediglich mit Anforderungen im 200 Mbit/s-Bereich bis zum Jahr 2026. Statt den Glasfaserausbau zu forcieren, will der Ex-Monopolist offensichtlich auch im Jahr 2026 noch auf das alte Kupferkabel setzen. So lesen sich entsprechende Berechnungen der Telekom, die aktuell in der „Wirtschaftswoche“ veröffentlicht wurden. Zweifellos passt diese Argumentationslinie in die aktuelle Telekom-Strategie, mit allen Mitteln zu versuchen, die Vectoring-Technologie nicht nur als Brückentechnologie hin zum FTTH/B zu nutzen, sondern langfristig am Kupferkabelnetz – ohne nachhaltige Ausbauanstrengungen – festhalten zu können.
Lesen Sie mehr zum Vectoring-Antrag und der strategischen Positionierung der Telekom in diesem Newsletter unter:

•    Rückfall ins Monopol: Vectoring-Antrag der Telekom
•    Telekom-Gesamtstrategie: Ausbau verzögern und verhindern


(Bild: Frank Ossenbrink)