15.09.2015

Wholebuy als Chance für den Glasfaserausbau

Infrastrukturgesetz, Scoring, Fördermilliarden und Vectoring. Die Begrifflichkeiten anhand derer momentan um die Verbesserung der Breitbandversorgung gerungen wird, sind vielfältig. In jüngerer Zeit taucht allerdings wieder vermehrt ein Begriff in der regulatorischen Diskussion auf, der schon seit Jahren durch die Branche geistert: „Wholebuy“. Mit diesem Begriff verbinden viele Experten hohe Erwartungen hinsichtlich der Beschleunigung eines dringend erforderlichen Glasfaserausbaus. Doch was genau versteht man unter diesem Begriff?

•    Unter „Wholebuy“ versteht man die kostenpflichtige Inanspruchnahme aktiver und/oder passiver Vorleistungen eines anderen TK-Anbieters. Spiegelbildlich nennt sich das Angebot dieser Vorleistungen „Wholesale“.
•    „Wholebuy“ ist bei den Wettbewerbern der Telekom seit Beginn der Liberalisierung Standard. Die Umsetzung durch Telekom ist ein wichtiger Baustein für den glasfaserorientierten Breitbandausbau.
•    „Wholebuy“ wird von der Telekom aber aus strategischen Gründen seit Jahren verweigert, um dem Wettbewerb zu schaden und das „Kupfer“-Monopol dauerhaft zu sichern.

Wholebuy der Telekom ist ein zentraler Baustein in einer Glasfaserstrategie

Mit der Weigerung der Telekom, vorhandene Netzkapazitäten alternativer Infrastrukturbetreiber in signifikantem Umfang anzumieten, entzieht das Unternehmen dem Markt eine der wesentlichen Möglichkeiten zur Amortisierung der erheblichen Investitionen. Kunden, die bei der Telekom bleiben wollen, können die deutlich besseren Glasfasernetze nicht nutzen - höherwertige Netze werden so weniger ausgelastet und die Nachfrage nach höherwertigen Leistungen bleibt beschränkt. Aktuell liegen auf diese Weise schätzungsweise 1.000.000 (!) bereits verfügbare FTTB/H-Anschlüsse brach. Dabei handelt es sich nicht um Überkapazitäten, die von Wettbewerbern in Verkennung des Bedarfs der Kunden aufgebaut worden sind. Vielmehr ist zur Errichtung und anschließenden Vermarktung eines Glasfasernetzes immer
ein signifikanter Ausbaugrad in der Region erforderlich. Eine häuser- oder straßenzugweise Erschließung ist nicht möglich. Die Investitionssumme für die Errichtung eines kompletten Netzes muss quasi als Vorauszahlung (Upfront) aufgebracht werden, um dann über die Nachfrage der Kunden zurückverdient zu werden. Die Möglichkeit der Vorvermarktung („sell first – build later“) kann das Investitionsrisiko lediglich abfedern. Die grundsätzliche Weigerung der Telekom, FTTB/H Anschlüsse anzumieten und stattdessen die alten Kupferleitungen weiter zu nutzen, verschlechtert die Wirtschaftlichkeit des Netzausbaus dramatisch.

Man könnte fast vermuten, dass diese Zurückhaltung bei Wholebuy – im Sinne der Telekom-Definition - strategische Gründe hat, da bei einer verstärkten Wholebuy-Tätigkeit die Investitionen von Kommunen oder alternativen Investoren in passive Anschlussnetze generell verstärkt werden könnten. Dies würde aber das Ziel der Telekom, möglichst viele Gebiete über Vectoring – und nun auch aktuell im Nahbereich – exklusiv zu erschließen, konterkarieren. Die Telekom hat offenkundig kein Interesse daran, ihre Systeme auf eine Wholebuy-Fähigkeit umzustellen, sondern vielmehr daran, dass alle Marktakteure ihre Vorleistungen exklusiv bei der Telekom beziehen. Dies zeigt sich an ihrem jüngst eingereichten Antrag, mit dem sie sich den Zugriff auf die Nahbereichs-KVz exklusiv sichern und die verdrängten Zugangsnachfrager auf ihr Bitstromangebot verweisen will.

Der VATM hat zum Thema „Wholebuy“ der Telekom ein umfangreiches Positionspapier erarbeitet, dass neben einer Situationsanalyse auch konkrete Handlungsvorschläge umfasst, mit denen die Infrastrukturressourcen aller Marktbeteiligten am effizientesten genutzt werden können. Hier finden Sie direkt zu dem Dokument.