17.10.2014

Martin Witt: „Mit ganzer Kraft auf den Investitionswettbewerb setzen“

Der VATM hat einen neuen Präsidenten: Seit Anfang Oktober führt Martin Witt den größten deutschen TK-Wettbewerberverband. Der 59-Jährige ist Vorstand Access der United Internet AG, zu der inzwischen auch die Versatel GmbH gehört, und Vorstandsvorsitzender der 1&1 Telecommunication AG. Wie schätzt der neue Verbandschef die derzeitige Lage in der Branche und beim Breitbandausbau ein? Lesen Sie hier.


Herr Witt, Sie haben Anfang des Monats die VATM-Präsidentschaft übernommen. Was reizt Sie an diesem Amt und was sind Ihre wichtigsten Ziele?

Martin Witt: Der VATM ist der stärkste TK-Wettbewerberverband, der Technologie- neutralität genauso lebendig praktiziert wie den Dienstewettbewerb. Moderne zukunftsträchtige Dienste sind der wichtigste Treiber für den Breitbandausbau, da sie Breitbandanschlüsse für Kunden attraktiv machen. Wir wollen ein Gegengewicht zur immer noch starken Telekom bilden, damit die Kunden bestmöglich vom Wettbewerb profitieren können.

Der VATM vertritt alle relevanten Geschäftsmodelle. Unter seinem Dach sind Festnetz-, Mobilfunk- und Diensteanbieter vereint. Besonders wichtig ist uns die erfolgreiche Koexistenz von großen Playern und kleineren mittelständischen regionalen Unternehmen, damit Investitionen und Innovationen den Wirtschaftsstandort Deutschland stärken können. Durch seine starke Präsenz in Berlin und Brüssel sowie seine Struktur ist es dem VATM möglich, die Interessen auch der kleineren regionalen Unternehmen, die im Infrastrukturbereich tätig sind, effektiv zu vertreten. Gerade Letztere treiben den Breitbandausbau auf dem Land voran und wir unterstützen sie intensiv dabei.


Es geht dem VATM aber nicht nur um den Netzausbau selbst…

Witt: Wir zeigen der Politik in Berlin und Brüssel Wege auf, die den Breitbandausbau in allen Bereichen und allen Technologien voranbringt, im Festnetz, beim immer relevanter werdenden mobilen Internet und bei den Diensten, die in der Zukunft den Nutzen in die Netze bringen. Netzausbau und Diensteentwicklung sind für Wirtschaft und Bürger gleichermaßen wichtig. Genau dafür steht der VATM heute und in der Zukunft.

Was mir wichtig ist: Die Wettbewerber des Incumbents müssen ihre Kräfte sinnvoll bündeln, um politisch ihrer Bedeutung entsprechend wahrgenommen zu werden. Das gilt in besonderer Weise für Brüssel.  Daher sollten die Breitbandverbände noch enger zusammenrücken, damit auch die Politik die Bedeutung des Wettbewerbs für die Bürger in Deutschland, vor allem aber auch für die Wirtschaft erkennt.


Setzt die EU-Kommission die richtigen Signale?

Witt: Eines ist sicher: Die Zukunft des Wettbewerbs in Deutschland wird zunehmend auf EU-Ebene entschieden. Dieser Entwicklung trägt der VATM Rechnung. Er wird die erfolgreiche Arbeit für die Sicherstellung des Infrastruktur- aber auch des Dienstewettbewerbs in Brüssel nochmals verstärken.

Die alte EU-Kommission hat das Thema Breitbandversorgung in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt und das ist ihr großes Verdienst. Aber Brüssel hat dabei die Bedeutung des Investitionswettbewerbs nicht richtig eingeschätzt. Während Neelie Kroes in anderen Bereichen die Bedeutung des Wettbewerbs mit Verve unterstrich – denken Sie nur an ihre  klare öffentliche Parteinahme für Uber – hat sich die Kommission in der letzten Legislatur beim Breitbandausbau zu schnell und pauschal auf das Ziel einer Marktkonsolidierung festgelegt. Das hatte meines Erachtens auch damit tu tun, dass sie zu wenig auf die Besonderheiten der nationalen Märkte geschaut hat.

Die gute Nachricht ist aber: Der Rat hat genau dies bewusst korrigiert. Das Kräftegleichgewicht der Institutionen hat hier also prinzipiell funktioniert. Wir müssen nun der neuen Kommission sehr deutlich machen, dass wir zumindest in Deutschland und in vergleichbar wettbewerblich erfolgreichen  Ländern mit ganzer Kraft auf Investitionswettbewerb setzen müssen. Wir müssen zum Leitbild der wettbewerbsfördernden Regulierung zurückkehren. Die Frage des Zugangs zum Internet ist auch eine Frage der Qualität und Bezahlbarkeit der Anschlüsse – gerade hier liegt die große Stärke der Wettbewerber.


Wie sieht der TK-Markt aus? Was kann den Investitionswettbewerb im Bereich Netze und Dienste aktiv vorantreiben?

Witt: Da möchte ich noch einmal deutlich unterstreichen: Das Modell Deutschland zeigt auch im TK-Markt, wie wichtig das Nebeneinander von großen und kleinen mittelständischen innovativen Unternehmen ist. Sogar beim Infrastrukturausbau sind es eindeutig die kleineren und regionalen Unternehmen, die den Ausbau vorantreiben. Wir müssen dieses Momentum konsequent nutzen. Ich sehe gute Chancen hierfür und damit auch den deutschen TK-Markt.

Mit dem vergangene Woche beschlossenen Antrag der Regierungskoalition zum Breitbandausbau haben wir ein klares Bekenntnis zum Wettbewerb. Die Digitale Agenda und das Kursbuch der Bundesregierung weisen ebenfalls in die richtige Richtung. Schnelle wettbewerbsfreundliche Entscheidungen können nun schnell Investitionen auslösen.

Was wir über Mbit/s-Ziele außerdem nicht aus dem Blick verlieren dürfen: Breitband ist kein Selbstzweck, sondern soll Nutzern und der Gesellschaft dienen. Die Frage des Take-Ups auf der Nutzerseite ist daher nicht weniger wichtig. Dafür brauchen wir auch attraktive staatliche Angebote, also praktisches E-Government. Hier ist in der vergangenen Legislatur zu wenig passiert.


Und welche Entwicklung erwarten Sie bei den Unternehmen?

Witt: Auf Unternehmensseite erwarte ich eine weitere Marktkonsolidierung. Der Netzbau  funktioniert im Wesentlichen regional. Beim Betrieb von Netzen und dem Angebot von Diensten werden wir größere Strukturen im Markt sehen. Auf diese Logik werden die Unternehmen viele Marktmodelle einrichten oder neu justieren. Und wir werden sie dabei unterstützen.

 

Zur Person: Martin Witt (Jahrgang 1955) ist seit 1. Oktober 2014 Vorstand Access der United Internet AG und seit April 2014 Vorstandsvorsitzender der 1&1 Telecommunication AG. Vorher war er als Vorstand Access in der 1&1 Internet AG tätig, nachdem er von Juli 2009 bis Juni 2011 dort als Bereichsleiter Produktmanagement Access agierte. Witt begann seine berufliche Karriere als Entwicklungsingenieur für Telekommunikation bei der Siemens AG. Nach Stationen bei Microsoft verantwortete er unter anderem das Produktmanagement für Geschäftskunden bei T-Mobile. 2005 übernahm Witt bei Debitel die Leitung für Produkte & Innovationen, bevor er 2008 Leiter Vertrieb Fachhandel bei der freenet AG wurde. Martin Witt hat Physik an der Universität Heidelberg studiert.

 

Bitte beachten Sie hierzu auch unsere Pressemitteilung: "Wechsel an der Verbandsspitze: Peer Knauer übergibt das Amt des VATM-Präsidenten an Martin Witt"