21.01.2013

Vectoring: Antrag der Telekom verhindert Breitbandausbau auf dem Land

Seit Wochen ist der Einsatz von Vectoring-Technologie ein heiß diskutiertes Thema. Mit ihr kann in vielen Fällen, aber keinesfalls flächendeckend, eine Verdopplung der Bandbreite auf Kupfernetzen erreicht werden. Nachdem die Telekom zunächst eine Art bundesweites Exklusivrecht für den Einbau der Technologie in den Kabelverzweigern gefordert hatte und damit vehementen Widerstand und Kritik auslöste (VATM-Position und Hintergrund), sollte „Investitionswettbewerb statt Remonopolisierung“ die Grundlage beim Antrag der Deutschen Telekom zur Nutzung von Vectoring sein.

Den Antrag zur Einführung der Technologie reichte der Ex-Monopolist kurz vor Weihnachten bei der Bundesnetzagentur (BNetzA) ein. Nach anfänglicher Blockadehaltung schien es, als sei die Telekom bereit, die Vorhaben von Marktteilnehmern, die mit neuer Technologie den Breitbandausbau in Stadt und Land vorantreiben, zu unterstützen bzw. nicht zu blockieren. „Doch der tatsächliche Antrag steht im  erheblichen Widersprich zu den öffentlichen Kooperationsankündigungen“, zeigt sich VATM-Geschäftsführer Jürgen Grützner enttäuscht. 

Die dabei von der Telekom ins Spiel gebrachten sechs Milliarden Euro Investitionen in den Breitbandausbau beziehen sich auf einen Zeitraum von sieben Jahren – 2013 bis 2020 – und bewegen sich damit im Rahmen der seit Jahren unverändert gebliebenen Investitionsquote des Konzerns. „Das Sechs-Milliarden-Euro-Angebot soll der Preis sein, mit dem sich die Telekom einen Freischein zur Remonopolisierung des Breitbandmarktes erkaufen will“, so Grützner. „Tatsächlich kann die Telekom mit dem Einsatz der Vectoring-Technologie den wesentlich teureren FTTB/H-Ausbau um weitere zehn Jahre aufschieben.“

„Wir sind außerordentlich enttäuscht, dass der Antrag die Zielsetzung völlig verfehlt. Die beantragten Regelungen bremsen den bundesweiten Breitbandausbau aus, gefährden die im Vertrauen auf eine stabile Regulierung bereits getätigten Investitionen der Wettbewerber und verhindern Planungssicherheit sowie den weiteren regionalen Ausbau – insbesondere im ländlichen Raum. Das angebotene Bitstrom-Produkt bleibt meilenweit hinter dem zurückm was bereits im vergangenen Jahr im Rahmen des von der BNetzA moderierten NGA-Forums vereinbart wurde. Die Wettbewerber sollen Anforderungen akzeptieren, die die Telekom selbst nicht bereit oder in der Lage ist, zu erfüllen“, ärgert sich Grützner.

Obwohl die Vectoring-Technologie erst noch erprobt werden muss, verlangt die Telekom von den Wettbewerbern eine verbindliche Ausbauverpflichtung innerhalb von 12 Monaten, die sie selbst aus gutem Grunde nicht bereit ist abzugeben. Schlimmer noch: Anträge auf die zwingend erforderliche Erprobung von Vectoring durch Wettbewerber wurden in der Vergangenheit sämtlich abgelehnt. Dort, wo Wettbewerber bereits in den Glasfaserausbau investiert haben und schnelles VDSL anbieten, drohe die Telekom mit Kündigung, wenn die Wettbewerber dort kein Vectoring nachrüsten.

„Unter diesen Umständen ist völlig klar, dass der von alternativen Anbietern insbesondere in mit Breitband schlecht versorgten Gebieten und im ländlichen Bereich vorangetriebene VDSL-Ausbau schlagartig zum Erliegen kommen wird. Dabei weiß die Telekom genau, dass das Nachrüsten bereits bestehender VDSL-Standorte mit Vectoring in vielen Fällen wirtschaftlich und technisch nicht sinnvoll oder gar rechtlich unmöglich ist“, unterstreicht der VATM-Geschäftsführer.

Daher behält sich die Teöekom  ausdrücklich vor, jeden einzelnen Standort zu prüfen und nur bei ausreichender Nachfrage und technischer Leitungsverfügbarkeit nachzurüsten. Schließlich können weder die Telekom noch ein Wettbewerber von den eigenen Kunden verlangen, daheim installierte Router-Endgeräte auszutauschen, weil die Vectoring leider stören. „Hier müssen wir gemeinsam nach Lösungen suchen, vectoringfähige Technik beschaffen, die Kundenverträge entsprechend anpassen und gemeinsam Tests durchführen“, fordert Grützner.

Der VATM-Geschäftsführer weiter: „Der Telekom-Antrag ist leider so aufgebaut, dass faktisch Unmögliches von der Wettbewerberseite gefordert wird, während die Telekom selbst keinerlei Ausbauverpflichtung eingeht und ihre Planung jederzeit strategisch ändern kann. Schließlich bietet sie kein qualitativ sinnvolles Vorleistungsprodukt an, das Ersatz für den Verzicht auf eine physikalische Entbündelung wäre, wie es das Gesetz vorschreibt. Open Access ist das sicher nicht.“

VATM schlägt einfache und faire Regeln vor

Demgegenüber fordert der VATM einfache und faire Regeln, damit alle Marktteilnehmer weiter investieren können und Planungssicherheit haben:

Hat ein Unternehmen – ganz gleich ob die Telekom oder ein Wettbewerber – VDSL ausgebaut und setzt Vectoring ein, wird die derzeit technisch erforderliche Verfügungshoheit eines Unternehmens am Kabelverzweiger vertraglich/regulatorisch abgesichert. Voraussetzung ist, dass Open Access in Form eines Bitstrom-Angebotes besteht, das bereits von allen Marktteilnehmern im NGA-Forum unter Moderation der Bundesnetzagentur gemeinsam spezifiziert wurde. Dies erscheint sinnvoll, da nur so sichergestellt werden kann, dass Kunden dauerhaft die durch Vectoring deutlich erhöhte und vertraglich zugesicherte Bandbreite durch den Anbieter ihrer Wahl auch zur Verfügung gestellt bekommen können.

Will ein Unternehmen – einschließlich der Telekom – VDSL ausbauen und Vectoring einsetzen, so der Vorschlag des VATM, kann es dies bis zu 12 Monate vorher bei der Bundesnetzagentur anmelden. Kommt es zu dem in der Praxis äußerst seltenen Fall einer Planungs-Überschneidung macht die Regulierungsbehörde darauf aufmerksam. Sie moderiert und, falls wider Erwarten keine Einigung möglich sein sollte, greifen Spielregeln. Diese sollen zum Beispiel den bereits vorhandenen regionalen Ausbau berücksichtigen und die  Geschwindigkeit, in der die meisten Bürger an das schnelle Internet gebracht werden können.

Ist ein Kabelverzweiger (KVz) heute bereits durch einen anderen Investor erschlossen, der VDSL anbietet, greift grundsätzlich Investitionsschutz zu Gunsten des Unternehmens, das zuerst ausgebaut hat. Eine kurzfristige technisch und rechtlich problematische „Zwangsaufrüstung“ mit Vectoring lehnt die Telekom für den eigenen Ausbau zu Recht ab. Sie darf dies aber auch nicht von den Wettbewerbern verlangen.

Später, wenn die Vectoring-Technologie erprobt und eingeführt ist, kann sich ein Investor bereits beim VDSL-Ausbau auf die Vectoring-Technologie einstellen. Plant zukünftig ein weiteres Unternehmen den VDSL-Ausbau mit Vectoring, so erscheint es aus Sicht des VATM zumutbar, dass der Erstinvestor innerhalb von 24 Monaten selbst seinen Kunden Vectoring anbietet oder der Investitionsschutz erlischt, damit dem Kunden die neue Technologie nicht vorenthalten werden kann.

„Am 24. Januar fand bei der Bundesnetzagentur die mündliche Anhörung statt. Hinsichtlich des Antrages der Telekom müssen hier noch einige entscheidende Weichen in eine neue Richtung gestellt werden. Es muss einen Bestandsschutz für getätigte Breitbandinvestitionen und gleichzeitig Chancen für alle geben, die weiter in den Ausbau investieren und die neue Technologie einsetzen wollen“, fordert Grützner.